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Der Nibelungenhort

Der Krieg ums große Fressen

von Thorsten Zerha

“Der Nibelungenhort” ist der erste Teil der Nibelungenerzählung, die im September 2oo7 im Stadtpark von Deutschlandsberg passiert. Das Projekt sucht über historisch- und gegenwartspolitische Themen eine Auseinandersetzung mit dem Nibelungenliedstoff. Künstler- und Künstlergruppen aus der Weststeiermark beschäftigen sich mit dem Nibelungenlied und setzen das Erarbeitete in Bildern, Musik und darstellendem Spiel um.


Erlebnis für den Zuseher
Der gesamte Abend findet für den Zuschauer in einer Mischform aus erlebbaren szenischen Installationen, chorischem Theater und konventionellen Theaterformen statt. Zentrum bildet der Turm der Walküren, der auf den Brunnen des Stadtparks gesetzt wird. In ihm lagert der Nibelungenhort, bewacht von den Walküren. Um den Walkürenturm ist ein Zeltlager aufgebaut. Das Heer belagert den Turm. Die Heerführer sind Gunther und Sigfrid. Sie wollen zwei der Walküren: Kriemhild und Brünhild. Das Heer gehorcht brav, kämpft Schlacht um Schlacht und hofft auf ein baldiges Ende. Die kleinen Geschichten der Soldaten im Heer und der Walküren im Turm passieren immer wieder in einer defokussierten Situation. Das heißt, der Zuseher muss sich selbst nach einer Geschichte in und hinter den Zelten oder im Turm umsehen. Die Hauptfiguren des Nibelungenliedes erlebt man dagegen nur aus einer Distanz. Die Helden bleiben auf Distanz. Auseinandersetzungen und Dispositionen bleiben hinter verschlossenen Türen, soweit möglich; bis das Ruder außer Kontrolle gerät und der Streit vor dem Dom los bricht. Dieser gemeinsame Fokus, auf die Nibelungen, fällt also immer wieder auf die szenische Installationsebene, auf das Heer und die Walküren im Turm zurück. Szenische Installationen zum Begehen schaffen ein perspektivisches Erlebnis.


Über den Nibelungenhort
Das besondere am Nibelungenhort ist, dass er kein Schatz im materiellen Sinn ist, sondern ein Mittel zur Machtausübung, eine Maschine, gesteuert von den wechselhaften Wesen, den Walküren. Der Hort ist das, worum sich alles dreht. Er ist Auslöser und Erlöser der Todsünden, um die sich alle versammeln – auch die einfachen Soldaten aus dem Heer. Wer den Hort besitzt, wird in den Fleischwolf der Todsünden hineingezogen. Wen eine Todsünde einmal erreicht hat, der kann sie nicht mehr abschütteln, taumelt unweigerlich seiner Hinrichtung entgegen. So greift das Fieber dieser Sünden, die ihren Träger nur noch nach egoistischen Maßstäben handeln lassen, wie eine Grippewelle um sich und infiziert alles und jeden. Das Heer, das Volk leidet unter der Herrschaft der Nibelungenkönige, weiß aber kein besseres Rezept, als zu gehorchen und bis in den Untergang zu folgen. Weil eine Mutter für ihr Vaterland wollen sie alle, brauchen sie alle. Und selbst, wenn man weiß, dass etwas nicht stimmt, kennt man keine bessere Lösung. Hat es je eine alternative Lösung gegeben? “Es gibt keine bessere Lösung”. So ist das Heer leicht zu befriedigen. Die bessere Rhetorik findet mehr Zuspruch. Selbst, wenn die Wahrheit auf der Hand liegt und jeder sie kennt, weil er sie mit seinen eigenen Augen gesehen hat, selbst dann wird noch immer dem Wort des beliebteren Königs Glauben geschenkt und blind in Richtung Gemetzel marschiert. “Ein Gemetzel ist immer eine Lösung”. Doch soweit kommt es noch nicht. Der erste Teil verharrt und erstarrt in der Stellung, wo alle im Fleischwolf sitzen, weil ihr König sich hineingesetzt hat. Erst werden noch Feste gefeiert und Fleisch gegrillt. Noch will keiner was von einem solchen Gemetzel wissen.

Mit
Anita Aichholzer, Sepp Brauchart, Charly Diwiak, Irene Diwiak, Paul J. Diwiak, Andreas Fleck, Michael Hofer, Daniel Knopper, Johanna Knopper, Christoph Kugler, Karl-Philipp Landauer, Stefan Maier, Anna Mlekuz, Jeannine Müller, Evelyn Reichel, David Reinisch, Christoph Schlag, Esther Sternad, Tina Ulrich, Gerd Wilfing und Julia Zach

Bühne
Francis Kügerl & Martin Schneebacher

Kostüme
Julia Klug & Moana Stemberger

Ausstattung
Vanessa Kröll

Licht
Peter Michelitsch

Musik
Wolfgang Patsch

Chorisches Theater
Raimund Wallisch

Dramaturgie
Simon Windisch

Produktionsleitung
Nina Ortner

Assistenz
Sandra Malli, Barbara Veronik, Pia Weisi

Text & Regie
Thorsten Zerha

Pressestimmen

Kleine Zeitung vom 23. September 2007:

"Germanenepos reißt mit
Die „Nibelungen“ treiben es mörderisch wild im Park.
DEUTSCHLANDSBERG. Die Welt der Nibelungen, als grandioses (Schau-)Erlebnis des Theaterzentrums Deutschlandsberg im Stadtpark. Das imposante Projekt mit 20 Akteuren, aufwändigen Kostümen, Live-Musik, Zelten, riesigem Holzturm-Zentrum und fahrbaren Pferdehochsitzen hält völlig in Atem in Thorsten Zerhas Inszenierung „Der Nibelungenhort“. Ungeheuerlich sind Bilderflut, die atmosphärische Dichte und die wuchtige, an Werner Schwab erinnernde Sprache. Großes Theater!"

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